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Diese Ausgabe umfasst ca. 1959 Wörter (~10 Minuten Lesezeit).
Heute ist Montag, der 28. September 2026 - willkommen in KW40. Viel Spaß beim Lesen!
🎯 Wenn die KI für uns einkauft: Agentic Commerce mit Meta Muse
Mit Muse will Meta einen persönlichen KI-Agenten etablieren, der nicht nur antwortet, sondern auch handelt. Er kann im Web navigieren, Formulare ausfüllen, Aufgaben übernehmen und Einkäufe vorbereiten. Auf der Meta Connect 2026 kündigte das Unternehmen zudem an, Muse auf seine AI Glasses zu bringen. Der Agent soll damit sogar auf Produkte reagieren können, die Nutzer gerade sehen. Gleichzeitig wächst das Commerce-Ökosystem: Zu den angekündigten Partnern gehören Shopify, Walmart, Best Buy, Sephora, Wayfair, Shop Pay und PayPal.
Das klingt zunächst praktisch. Statt zehn Shops zu öffnen, Preise zu vergleichen und Bewertungen zu lesen, könnte man künftig einfach sagen:
Finde mir gute Kopfhörer unter 200 Euro und kauf die besten.
Der Agent erledigt den Rest. Genau hier beginnt für mich das Problem.
Der KI-Agent wird zum Gatekeeper
Bisher mussten Unternehmen Menschen überzeugen. Künftig könnten sie jedoch versuchen, deren Agenten zu beeinflussen.
Denn ein Shopping-Agent entscheidet zwangsläufig darüber, welche Informationen berücksichtigt werden, welche Produkte verglichen werden und welche Anbieter überhaupt sichtbar werden. Damit verschiebt sich die Rolle des digitalen Gatekeepers.
Heute kontrollieren Google, Amazon oder Händler noch große Teile der Customer Journey. Morgen könnte der persönliche KI-Agent diese Rolle übernehmen.
Die zentrale Frage lautet daher: Nach welchen Kriterien entscheidet der KI-Agent?
Preis? Bewertungen? Lieferzeit? Markenpräferenz? Händlerpartnerschaften? Oder die wirtschaftlichen Interessen des Plattformbetreibers?
Der Kampf um den Agentic-Commerce-Layer
Wie ernst diese Verschiebung genommen wird, zeigt sich bereits im unterschiedlichen Umgang der Handelsplattformen mit Muse: Shopify öffnet sich. Amazon blockiert.
Shopify integriert Meta in seine E-Commerce-Infrastruktur „Shopify Agentic” und ermöglicht Händlern so, Produktdaten für Muse verfügbar zu machen. Amazon hingegen geht den entgegengesetzten Weg und blockiert Muse auf Amazon.com. Dadurch ergibt sich eine neue Architektur:
Kunde → KI-Agent → Commerce-Layer → Händler → Zahlung
Und genau dieser Layer könnte künftig von entscheidender Bedeutung sein. Wer kontrolliert die Produktdaten? Wer entscheidet, welche Händler sichtbar sind? Wer erhält Informationen über Kaufabsichten? Wer bestimmt die bevorzugten Zahlungswege? Das ist mehr als nur bequemeres Shopping. Es ist ein Machtkampf um den Zugang zu den Kunden.
Auch der KI-Agent ist beeinflussbar
Die Vorstellung vom nüchternen und objektiven Shopping-Agenten ist keineswegs gesichert. Die Wharton Generative AI Labs haben in rund 26.000 Tests untersucht, wie stabil die Kaufentscheidungen von KI-Agenten sind. Dabei zeigte sich, dass die Empfehlungen davon abhängen, welche Informationen ein Agent zuerst sieht, welche Rezensionen eingeblendet werden, welche Quellen er berücksichtigt und welcher Kontext gespeichert ist.

Damit besitzen auch Agenten eine Angriffs- und Beeinflussungsfläche. Nach SEO und der Optimierung für generative Suchsysteme könnte deshalb „Agent Optimization” entstehen. Produktinformationen, Rezensionen, Datenstrukturen und Webseiten werden so gestaltet, dass ein Agent ein bestimmtes Produkt möglichst häufig auswählt. Die Grenze zur Agent Manipulation dürfte fließend sein.
Der KI-Agent weiß womöglich mehr, als wir erwarten
Noch heikler wird es, wenn persönliche Daten ins Spiel kommen. Der Inc.-Kolumnist Jason Aten berichtet, Muse habe ihm auf Basis einer privaten Unterhaltung ein Artikelthema vorgeschlagen, obwohl er nach eigener Darstellung keinen bewussten Zugriff auf seine Nachrichten freigegeben hatte.

Der Fall beweist nicht, dass Muse generell ohne Zustimmung private Nachrichten liest. Er zeigt aber ein grundsätzliches Problem: Technische Berechtigung und tatsächliche Nutzererwartung sind nicht dasselbe.
Je mehr Kontext ein Agent erhält, beispielsweise Nachrichten, Termine, Kaufhistorie, Präferenzen oder gespeicherte Erinnerungen, desto besser kann er personalisieren. Gleichzeitig wird es jedoch immer schwieriger, die Grundlage einer Empfehlung nachzuvollziehen.

Und ausgerechnet Meta? Schon wieder!
Wenn man auf Metas Vorgeschichte schaut, wird meine Skepsis größer. So hat die Europäische Kommission im Juli 2026 vorläufig festgestellt, dass das Design von Instagram und Facebook gegen den Digital Services Act verstoßen könnte. Im Mittelpunkt stehen dabei unter anderem Infinite Scroll, Autoplay, Push-Benachrichtigungen und hochpersonalisierte Empfehlungssysteme sowie die Risiken eines „addictive design“.
Das betrifft Instagram und Facebook, nicht Muse. Trotzdem ist der Kontext relevant. Meta hat große Teile seines Geschäfts darauf aufgebaut, menschliche Aufmerksamkeit vorherzusagen, zu personalisieren und zu monetarisieren.
Meine persönliche Sichtweise
Ich stehe Agentic Commerce derzeit deutlich kritischer gegenüber als die vielen euphorischen Stimmen am Markt. Sicherlich ist es sinnvoll, wenn eine KI Produkte recherchiert, Preise vergleicht oder Optionen zusammenfasst. Einen überzeugenden Anwendungsfall für vollständig autonomes Shopping, der die zusätzliche Machtverschiebung rechtfertigt, gibt es aber bislang nicht.
Wir schaffen eine neue Vermittlungsebene zwischen Wunsch und Handlung. Und diese Ebene kann beeinflusst werden. Gerade bei Meta halte ich deshalb besondere Skepsis für angebracht. Ein Unternehmen, dessen bestehende Plattformdesigns wegen möglicher suchtfördernder Mechanismen regulatorisch untersucht werden, möchte nun einen Agenten etablieren, der permanent verfügbar ist, unsere Präferenzen kennt und zunehmend selbst Handlungen ausführt.
Vielleicht ist die größte Gefahr des Agentic Commerce deshalb gar nicht der spektakuläre Fehlkauf. Vielleicht sind es Systeme, deren Einfluss wir irgendwann gar nicht mehr wahrnehmen werden. Aktuell sehe ich viele PoCs und MVPs, die niemals das Licht der Welt erblicken werden. Ich behaupte sogar, dass der Anteil des Agentic Commerce bis 2030 unter 10 % bleiben wird, eventuell sogar noch weniger, es sei denn, Amazon integriert dieses Modell grundlegend in seine Unternehmensstrategie. Wir werden es sehen...
🔗 Meta | Reuters | TechCrunch | Wharton University | Inc. | European Commission
📰 Märkte & Nachrichten
OECD fordert Leitplanken für agentische KI im Staatseinsatz: Die OECD rückt den Einsatz agentischer KI in Behörden in den Fokus und skizziert, wie Staaten die Kontrolle behalten können, wenn Systeme im Namen der Verwaltung eigenständig handeln. Hintergrund ist, dass sich KI von unterstützenden Werkzeugen zu handlungsfähigen Systemen entwickelt hat, die Entscheidungen vorbereiten, Prozesse auslösen oder mit Bürgern und Unternehmen interagieren. Dadurch verschiebt sich die Governance-Frage von Modellrisiken hin zu Verantwortung, Aufsicht und Nachvollziehbarkeit im operativen Einsatz. Konkret geht es um Standards für sichere, verlässliche und überprüfbare Anwendungen, klare menschliche Zuständigkeiten sowie technische und organisatorische Kontrollmechanismen entlang des gesamten Lebenszyklus. Gleichzeitig zeigt sich, dass klassische Verwaltungs- und Beschaffungsregeln für autonome Systeme nur begrenzt geeignet sind. Für Regulierer und öffentliche IT-Anbieter ergibt sich daraus ein neues Spannungsfeld zwischen Effizienzgewinnen, Haftungsfragen und demokratischer Rechenschaft. Langfristig könnte sich daraus ein breiterer Trend ablesen lassen. Die Governance verlagert sich von der Regulierung einzelner Modelle zur Steuerung delegierter maschineller Handlungsmacht.
🔗 OECD
US-Berufungsgericht stärkt Bundesstaaten und begrenzt Kalshis Sportwetten-Modell: Das 6. US-Berufungsgericht hat zugunsten von Ohio und Tennessee entschieden und den beiden Bundesstaaten das Recht zugesprochen, Sportevent-Kontrakte nach ihren Glücksspielgesetzen zu regulieren. Hintergrund ist der zentrale Streit, ob diese Produkte als von der CFTC beaufsichtigte „Swaps” oder als staatlich regulierbare Wetten einzuordnen sind. Das Gericht kam einstimmig zu dem Schluss, dass Kalshi nicht ausreichend belegen konnte, dass seine Sportkontrakte unter die Bundeszuständigkeit der Derivateaufsicht fallen. Damit verfestigt sich eine juristische Fragmentierung: Der 9. Circuit urteilte bereits ähnlich, während der 3. Circuit Kalshi in New Jersey vorläufig weiter operieren ließ. Die Umsetzung erfolgt somit de facto über ein föderales Flickwerk, in dem Plattformen je nach Bundesstaat unterschiedlichen Regeln unterliegen. Das erhöht für den Markt die Rechts- und Compliance-Kosten, während regulatorisch die Abgrenzung zwischen Finanzprodukt und Glücksspiel neu geschärft wird. Langfristig könnte der Fall zum Präzedenzfall für die Zuständigkeit der Bundes- gegenüber der Einzelstaatsaufsicht bei tokenisierten oder eventbasierten Märkten werden.
Plattformen und Creator reagieren auf KI-Inhalte, um Reichweite und Vertrauen zu sichern: Auf Social-Media-Plattformen verschärft sich der Umgang mit massenhaft produzierten KI-Inhalten. Creator passen ihre Formate und Distributionsstrategien an, um ihre Reichweite, Glaubwürdigkeit und Monetarisierung zu stabilisieren. Hintergrund ist die schnelle Verbreitung von „AI slop“: Billig erzeugte, algorithmisch optimierte Inhalte erhöhen das Volumen, senken aber oft die wahrgenommene Qualität und erschweren die Differenzierung im Feed. Konkret zeigt sich die Anpassung in einer stärkeren Fokussierung auf persönliche Marken, erkennbare Urheberschaft und Formate, bei denen Authentizität selbst zum Wettbewerbsvorteil wird. Gleichzeitig bleibt KI dort anschlussfähig, wo Unterhaltung, Geschwindigkeit oder Skalierung wichtiger sind als Originalität. Damit verschiebt sich für Plattformen die zentrale Steuerungsfrage von bloßer Reichweitenoptimierung hin zu Qualitäts- und Vertrauenssignalen. Langfristig könnte daraus eine neue Marktstruktur entstehen, in der menschliche Nähe zum Premium-Merkmal wird, während KI die Content-Produktion im Massenmarkt industrialisiert.
📊 Daten & Insights: Der Preis von KI-Leistung fällt rasant
Eine neue Analyse von Epoch AI zeigt, wie schnell die Leistung von KI günstiger wird. So sind die Kosten, um ein bestimmtes Leistungsniveau auf ausgewählten KI-Benchmarks zu erreichen, seit 2023 im Durchschnitt um rund 47 % pro Quartal gefallen, was einer etwa 13-fachen Kostensenkung pro Jahr entspricht. Laut Epoch AI ist dieser Rückgang deutlich schneller als bei früheren transformativen Technologien wie Computing, DNA-Sequenzierung, Lithium-Ionen-Batterien oder Elektrizität.

Für Unternehmen und Verwaltungen ist weniger die absolute Zahl als die Richtung entscheidend: KI-Fähigkeiten, die heute noch teuer sind oder nur in Spitzenmodellen verfügbar, können innerhalb kurzer Zeit zu einer kostengünstigen Standardleistung werden. Ein Beispiel aus der Analyse: Anfang 2025 kostete ein bestimmtes Leistungsniveau im wissenschaftlichen Benchmark GPQA Diamond noch rund 30 US-Cent pro Aufgabe. Weniger als 18 Monate später wurde ein vergleichbares Niveau für etwa 0,0004 US-Dollar erreicht.
Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass die Benchmark-Leistung nicht automatisch mit der Produktivität in realen Arbeitsprozessen gleichzusetzen ist und die Datenreihe bislang nur wenige Jahre umfasst. Trotzdem spricht der Trend dafür, KI-Investitionen nicht nur anhand heutiger Modellpreise zu bewerten. Der wirtschaftlich interessante Faktor könnte zunehmend darin liegen, wie schnell leistungsfähige KI zur günstigen Infrastruktur wird.
🔗 Epoch AI
🎬 Sehenswert: Warum die Welt immer schneller wird | Stimmt es, dass ...? | ARTE (ca. 25 Min.)
Die ARTE-Doku „Warum die Welt immer schneller wird | Stimmt es, dass ...?“ geht genau diesem Paradox nach. Sie zeigt, wie sich unser Verhältnis zur Zeit seit der Industrialisierung verändert hat - von der Dampflokomotive über immer schnellere Produktions- und Kommunikationsprozesse bis hin zum Smartphone.

Dabei geht es unter anderem um die Frage, warum technische Effizienz nicht automatisch zu mehr Freizeit führt, weshalb wir ständig das Gefühl haben, mithalten zu müssen, und welche Auswirkungen die digitale Dauerbeschleunigung auf unsere Aufmerksamkeit hat. Ein spannender Bezugspunkt ist in diesem Zusammenhang der Soziologe Hartmut Rosa mit seiner Theorie der gesellschaftlichen Beschleunigung und seinem Gegenentwurf der Resonanz.
Die Doku verbindet historische Entwicklungen mit aktuellen Fragen rund um digitale Kommunikation, Multitasking und unsere immer kürzeren Aufmerksamkeitsphasen.
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